Home

Programm

Geschichte

Impressionen

Medieninformationen

Kontakt

Über Gott, Engel und Menschen - Die Engelweihlegende

Erschienen im Einsiedler Anzeiger am 22. August 2014

In den vorhergehenden Beiträgen zur anstehenden Grossen Engelweihe am 13./14. September wurden bereits verschiedene Aspekte der Engelweihe in Vergangenheit und Gegenwart beleuchtet. Im folgenden Beitrag soll nun der Kern der Engelweihe, die eigentliche Legende, etwas näher betrachtet werden.

Cosmas Damian Asam (1686-1739) malte die Legende der Engelweihe an die Gewölbedecke des Oktogons, direkt über der Gnadenkapelle.

Historische Fakten...

Im Jahr 835 zog sich der hl. Meinrad als Einsiedler in den Finsteren Wald zurück, um ganz für Gott da zu sein. Er starb durch die Hand zweier Räuber am 21. Januar 861. In Erinnerung an sein vorbildliches Leben folgten gottesfürchtige Männer seinem Beispiel und lebten als Einsiedler im Finstern Wald.

Im Jahr 934 schliesslich wurde das Kloster Einsiedeln vom Strassburger Dompropst Eberhard gegründet. Im Jahr 948 baten die Mönche des jungen Klosters Bischof Konrad von Konstanz, ihre neue Klosterkirche und die Kapelle des hl. Meinrad feierlich zu weihen.

... und fromme Legende

Die Legende der Engelweihe ist eine komplexe Angelegenheit, da sie in verschiedenen Versionen kursierte. Hier soll nun die gängigste Version in aller Kürze nacherzählt werden:

In der Nacht vor der geplanten Weihe begab sich Bischof Konrad in die kleine Kapelle, um dort zu beten. Da sieht er in einer Vision, wie Jesus Christus vom Himmel herabsteigt. Er wird begleitet von Scharen von Engeln sowie vielen Heiligen und die Jungfrau Maria erscheint wie in Licht gehüllt. In einem feierlichen Gottesdienst weiht Jesus Christus die Kapelle zu Ehren seiner Mutter Maria. Bei diesem besonderen Gottesdienst assistieren ihm diverse Heilige.

Als Bischof Konrad am anderen Morgen die Kapelle feierlich weihen sollte, zögert er. Von den Mönchen zur Weihe gedrängt, gibt er schliesslich nach und will zur feierlichen Weihe schreiten. Schon zieht er die Gewänder für den Gottesdienst an, da erscheint ein Engel und sagt: "Bruder, halte ein! Die Kapelle ist bereits von Gott geweiht." Und die Weihe der Kapelle wird nicht vollzogen.

Die Legende als Propagandamittel

Die Engelweihlegende ist erstmals um die Mitte des 12. Jahrhundert fassbar, also rund 200 Jahre nach dem darin beschriebenen Ereignis. Weshalb das? Vieles spricht dafür, dass die Legende der Engelweihe in einer Zeit der klösterlichen Identitätskrise und der politischen Unsicherheit niedergeschrieben wurde und "dass das Kloster mit der Neudeutung seiner Geschichte versuchte, sich als von Gott besonders geheiligt darzustellen und dank dieser Aura die politischen Gegner zum Respekt zu zwingen" (P. Gregor Jäggi).

Auch verschaffte die Legende von der himmlischen Weihe dem Kloster zahlreiche Pilger, welche den Gnadenort aufgrund der zahlreichen päpstlichen Privilegien (besondere Beichtvollmachten der Priester und Ablässe) gerne aufsuchten. Ob nun die Legende tatsächlich ferne Erinnerungen an ein mit der Weihe verbundenes wundersames Ereignis aufgreift oder einfach nur geschickte Propaganda war, entzieht sich unserer Kenntnis. Fakt ist, dass die Engelweihlegende darin ihren wahren Kern hat, dass Menschen seit vielen Jahrhunderten Einsiedeln als einen Gnadenort erfahren, wo sie sich Gott und der Jungfrau Maria besonders nahe wissen dürfen.

P. Philipp Steiner