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Die Engelweihe – ein Fest seit Jahrhunderten

Ein Blick in die Geschichte

Erschienen im Einsiedler Anzeiger am 11. Juli 2014

In gut zwei Monaten findet am 14. September die "Grosse Engelweihe" statt, ein Ereignis, zu dem auch heuer wieder viele Menschen aus nah und fern erwartet werden. Bis zu diesem Grossanlass werden im Einsiedler Anzeiger an den kommenden Freitagen Artikel erscheinen, die verschiedene Aspekte dieses Festes beleuchten, die wohl auch für viele Einsiedler kaum bekannt sind. Den Beginn macht heute ein Blick in die Geschichte der Engelweihe.

Darstellung der Engelweihe im Guttäterbuch von 1588

Während in unserer Zeit das Ziel der Abertausenden von Pilgern, die alljährlich in den Finstern Wald kommen, das Einsiedler Gnadenbild ist, stand zu früheren Zeiten während Jahrhunderten etwas anderes im Zentrum der Einsiedler Wallfahrt: die Gnadenkapelle, das "Kirchlein in der Kirche", wie der deutsche Dichter Johann Wolfgang von Goethe einst schrieb. Der Grund hierfür lag in einer mittelalterlichen Legende. Als die junge Einsiedler Klostergemeinschaft nach ihrer im Jahre 934 in Erinnerung an den heiligen Meinrad erfolgten Gründung am 14. September 948 ihre erste Kirche einweihen lassen wollte, lud sie hierfür den damaligen Bischof von Konstanz, den heiligen Konrad, ein. Dieser habe in der Nacht zuvor in einer Vision gesehen, wie Christus selbst in Begleitung vieler Heiliger und Engel (deshalb der Name "Engelweihe") die kleine Kapelle an der Stelle der ehemaligen Klause des heiligen Meinrad zu Ehren seiner Mutter Maria geweiht haben soll. Fünf Eindrücke im Türsturz der damals sogenannten "Salvatorkapelle" (Kapelle des Heilands) zeigten den staunenden Besuchern, wie sich Christus mit seiner Hand an der Fassade abgestützt haben soll.

Die Einsiedler Mönche setzten viel daran, diese Legende unter das Volk zu bringen, und verbreiteten die Geschichte des ausführlich beschriebenen heiligen Geschehens in Bild und Text. Die Wirkung blieb nicht aus: In Scharen strömten die Leute aus halb Europa vor allem zum Engelweihfest nach Einsiedeln, um hier in Form von Ablässen "Gnade über Gnade" zu empfangen. Im 15. Jahrhundert wurde dabei das Fest nicht mehr alljährlich gefeiert, sondern nur noch dann, wenn der 14. September auf einen Sonntag fiel – dann aber während ausgiebigen 14 Tagen. Für das Jahr 1466 ist von 130‘000 Pilgern, am Kirchweihtag allein von 80‘000 Menschen die Rede. Vierhundert Priester hörten Beichte. Es lässt sich wohl leicht nachvollziehen, dass es für eine reibungslose Organisation beträchtliche Anstrengungen brauchte.

Seit 1729 wird das Engelweihfest wieder jedes Jahr begangen, bevor die auf den Sonntag fallende "Grosse Engelweihe" im Jahre 1856 aus Kostengründen auf acht Tage verkürzt, später dann auf den Sonntag allein beschränkt wurde. Kloster und Dorf waren – wohl leicht verständlich – überfordert, den herangeströmten Menschenmengen Unterkunft zu bieten: 1871 übernachteten deshalb Hunderte in der Klosterkirche, während an der Engelweihe des Jahres 1897 von den rund 10'000 Wallfahrern nur die Hälfte in den Gasthöfen oder bei Privaten eine Unterkunft fanden, sodass Tausende bei einbrechender Nacht noch die Heimreise antreten mussten.

Die Wallfahrt nach Einsiedeln hatte sich dabei zu dieser Zeit schon längst zu einer Marienwallfahrt gewandelt, spätestens nach der Zerstörung der Gnadenkapelle durch die Franzosen im Jahre 1798; auch nach dem zwischen 1815 und 1817 erfolgten Wiederaufbau war das Gnadenbild endgültig in den Mittelpunkt der Einsiedler Pilgerfahrt gerückt – bis auf einen Tag im Jahr, eben am 14. September.

P. Thomas Fässler